Festival: Future Lab*
19.-22. Februar 2026
Mit: Wien-Premiere von „Let’s play I’m old and tired“ Uraufführung von „Processing Pinocchio“ AR-Workshop „pixl to puppet“ Presseinfos, Fotos & Teaser
Premiere: Die Geister in Princeton
11. April 2026
tba
Seit einigen Saisonen setzten wir uns im Schubert Theater Wien gezielt mit technologischen Evolutionen auseinander. Die pandemiebedingten Schließungen haben uns tiefer in dieses spannende, aktuelle Feld eintauchen lassen, dem wir ab Februar 2022 mit der Veranstaltungsreihe „Future Lab – Die Zukunft und das Theater“ einen Schwerpunkt widmen. Mit analogen und digitalen Theateraufführungen wird gezeigt, wie weit Kunst und Technologie sich im Theater näher kommen und verbinden lassen. Eine künstliche Intelligenz als Co-Autor bei „Projekt Pinocchio“, die Online-Premiere der Mini-Serie „Ein Würstelstand auf Weltreise“, oder auch virtuelle und interaktive Theatererlebnisse wie „Werther.live“ oder „MAY.be 2.0“ werfen faszinierende Fragen und Erkenntnisse auf, über die wir gemeinsam mit unserem Publikum und ExpertInnen aus Kunst und Wissenschaft nachdenken wollen. So diskutieren die heurige Hedy-Lamarr-Preisträgerin Johanna Pirker, die Leiterin des ESC Medienkunstlabors Reni Hofmüller, der Experimentalphysiker und Brecht-Experte Lukas Mairhofer mit der Nachwuchsregisseurin des Jahres Cosmea Spellaken, dem Regisseur und Theaterdirektor Simon Meusburger und der Puppenspielerin Manuela Linshalm bei exklusiven Publikumsgesprächen im Schubert Theater Wien.
Kunst und Technologie – auf den ersten Blick etwas Gegensätzliches, doch eigentlich eine sich gegenseitig antreibende Symbiose, die im gesellschaftlichen Strom meist dem Puls der Zeit voraus ist. Erst wenn die richtige Technologie gefunden ist, lassen sich zukunftsweisende Ideen umsetzen: Lachte man in den 1960er-Jahren noch über die allzu futuristischen Kommunikationsmittel in „Star Trek“, ist Mobilfunk oder Videotelefonie heutzutage nicht mehr wegzudenken. Das Schubert Theater Wien hat mit der Reanimierung der Tradition „Figurenspiel“ wiederum eine alte Produktionstechnik, also Technologie, mit neuem Leben besetzt und mit modernen Inhalten befüllt. 2018 erschien in einer einzigartigen Verbindung von Puppenspiel und Künstlicher Intelligenz eine Neuinterpretation des Klassikers „Pinocchio“, die ganz dem Aufruf von Giorgio Manganelli folgt, das Buch als Erwachsenenbuch zu lesen und dem Publikum mit Fragen, was denn die Menschlichkeit und die (menschliche) Kunst ausmacht, Raum für Selbstreflexion bietet.
Beim „Future Lab“ wird auch die erste digitale Produktion des Hauses „MAY.be 2.0“ sowie die Online-Premiere „Ein Würstelstand auf Weltreise“ präsentiert und ein Ausblick auf das geplante virtuelle Puppenmuseum gezeigt – auch mit Stilmitteln der durch Snapchat-Filter beliebt gewordenen Augmented- und Virtual-Reality-Technologie, also mit der „erweiterten“ und „virtuellen Realität“. Diese gelten als die nächste zu erreichende Medienstufe, denn nicht umsonst investiert Facebook seit 2018 massiv in sein Oculus-System, das Millionen von Nutzern diese neue Technologie ins Wohnzimmer bringen soll, und zwar noch dieses Jahr – ganz stylisch mit der Ray-Ban-Datenbrille. Laut eigenen Studien von Meta-Business erwarten durchschnittlich 65 % der befragten Personen in 11 Märkten, dass VR Teil ihres Alltags werden wird. Auch für Theaterdirektor Simon Meusburger liegt Figurentheater und die virtuelle Realität eng beisammen: „Im Figurentheater manipulieren wir Objekte. Wir erwecken tote Gegenstände zum Leben. Und in der virtuellen Realität nehmen wir statt den Puppen Pixel und hauchen ihnen Leben ein. Es ist ein verwandtes Genre.“
Interdisziplinarität und Fortschritt Genau diese Interdisziplinarität war es auch, die Cosmea Spellaken am Studium der Medienkunst fesselte: „Fasziniert hat mich, dass dieses Studium medial wirklich völlig offen war. Wenn man dort einen Stoff hatte, wurde erst mal diskutiert, in welchem Medium man den am besten umsetzen kann – als Theater, als Film, als Installation oder als Audio-Walk.“ Mit ihrer Neuinterpretation von Goethes „Werther“ als Online-Theater im November 2020, bei der für die Hauptcharaktere öffentliche Instagram-Profile angelegt wurden, traf sie einen Nerv der Zeit: Live-Theater im vom Lockdown nicht betroffenen digitalen Raum, gekoppelt mit der Interaktivität des Internets, hat alle Barrieren für das Publikum abgeschafft. „Bei den ersten Aufführungen konnte ich es kaum fassen, dass uns 130 Leute zugesehen haben. Vier Monate später hatten wir Termine mit 1.300 Zuschauern.“, so Spellaken. Vom Erfolg berichtet sogar die New York Times, und mit Spannung wird die neue Inszenierung „Die Möwe“ von Anton Tschechow erwartet – obwohl sich viele nicht vorstellen konnten, dass „Online-Theater“ einen tatsächlichen Wert und Gehalt hat.
Auch Lukas Mairhofer, Experimentalphysiker und Wissenschaftsphilosoph, bringt zusammen, was auf den ersten Blick nichts gemein hat: Seine Dissertation über Bertolt Brecht und Quantenmechanik brachte ihm 2015 den „doc.award“ als beste Abschlussarbeit ein. „Ich denke, wir sollten uns nicht täuschen lassen. Wissenschaft und Kunst sind gar nicht so weit auseinander, wie wir uns alle immer einreden wollen.“ Nach seiner vierstündigen, mündlichen Quantenmechanik-Prüfung hatte er ein Aha-Erlebnis während einer Brecht-Lektüre: „Brecht zitiert ganz explizit die Quantenphysik, wenn er argumentieren will, dass das Publikum sich nicht passiv zurücklehnen und einfach rezipieren soll, sondern dass es aktiv teilnehmen muss am Stück, und er versucht, seine Stücke so zu schreiben, dass das Publikum gezwungen ist, mitzudenken und zu interpretieren. (…) Ich denke, was wir wirklich mitnehmen sollten aus der Quantenmechanik, ist, dass Beobachtung die Welt verändert. Dass Sie als Publikum genauso daran beteiligt sind, dass hier auf der Bühne etwas passiert, und auch daran, was hier auf der Bühne passiert.“
Digitale Revolution – Lernen und Beobachten Ein großes Einsatzgebiet technologischer Innovationen sind Videospiele. „Grafikkarten, Game Engines oder Virtual Reality sind Technologien, die stark von der Spieleindustrie geprägt werden, aber inzwischen einen großen Einfluss auf unterschiedlichste Lebensbereiche haben.“, erklärt Johanna Pirker von der TU Graz, die mit ihrem Team an „Spielen, die uns besser machen“ forscht. Man spricht hier von „Gamification“, also dem Einsatz von spieltypischen Elementen (wie Ranglisten oder Erfahrungspunkten) in einem spielfremden Kontext zur Motivationssteigerung. Das Bild des introvertierten, am Rande der Gesellschaft lebenden Gamers ist dabei nicht mehr zeitgemäß, so Pirker: „Es gibt auch Videospiele wie beispielsweise „Path Out“, in dem man die Reise eines syrischen Jungen nach Österreich mit all seinen Herausforderungen erleben kann. Videospiele involvieren die Menschen weitaus mehr als ein Dokumentarfilm, weil Empathie eine Rolle spielt.“ (Anm.: Path Out vom Wiener Spieleentwicklungsstudio Causa Creations gewann den Europäischen Jugendpreis 2019)
So liegt auch für Medienkünstlerin Reni Hofmüller und ihr ESC Medienkunstlabor das „Hauptaugenmerk auf der genauen Beobachtung und seismografischen Erfassung von künstlerischen Prozessen, die gesellschaftspolitische Entwicklungen (Informations- und Biotechnologien, sozioökonomische Systeme) und Neue Technologien (Hard- und Software) untersuchen und zum Inhalt haben.“ So entstanden bahnbrechend moderne Ausstellungen wie 1998 „Let’s make a Baby“ über Gentechnik, 2002 „Please Identify“ über Überwachung und Sicherheit, oder auch 2003 „Terminal Time“ über die Konstruktion von Geschichte in der Nachrichtengestaltung. Beim „DreiDigiTalk“ über die Digitalisierung der Kunst im Oktober 2021 resümiert Hofmüller: „Das, was der Kunst- und Kulturbereich u.a. auch macht und was die Pandemie so deutlich gezeigt hat, was uns fehlt, wenn wir es nicht haben, ist ja auch die Vermittlung von Medienkompetenz. Vieles, was wir als Kulturvermittlung tun, bleibt scheinbar unsichtbar im Hintergrund“, dabei ist gerade auch das Angebot für Auseinandersetzung und Weiterbildung wichtig, die die Basis für neues Wissen stellen.
Zukunft und Theater Vielen ist Theater heilig. Und zwar das Theater, das sie kennen. Alte Bühnen werden als wahrhaftige Institutionen behandelt, auf „den Brettern, die die Welt bedeuten“ dominiert die ein oder andere Gottheit, Machtkämpfe werden nicht nur mit Requisiten-Degen ausgefochten. Doch die Zukunft macht keinen Halt, Technologien entwickeln sich nicht langsamer, nur weil wir uns nicht bereit fühlen. Das einzige, was bereits geschieht, ist, dass Theaterschaffende den Anschluss an Morgen verpassen – so auch das vorherrschende Problem, junges Publikum – das Publikum von morgen – in die Theater (von gestern) zu bekommen. Dabei zeigen einige Projekte, wie eindrucksvoll neue Technologien in der Kunst einen starken Mehrwert für das Publikum schaffen können. So z.B. das Projekt „The Under presents“ des preisgekrönten Studios „Tender Claws“ in Los Angeles, in dem in einem VR-Spiel echte SchauspielerInnen live in die Handlung der fiktiven Geschichte eingreifen können. „Wo immersives Theater auf VR trifft“, so wird das faszinierende Multiplayer-Erlebnis angekündigt. Die SchauspielerInnen der New Yorker Gruppe „Pie Hole“ setzen dabei eine VR-Brille (von Oculus) auf und improvisieren und interagieren in Vier-Stunden-Schichten mit dem Publikum, den „Playern“ des Spiels.
Auch „Crux“, ein Extended-Reality-Kollektiv für KünstlerInnen und TechnikerInnen dunkler Hautfarbe in den USA, hat erkannt, dass sich Storytelling mit Hilfe von erweiterter Realität in einem entscheidenden Moment befindet und die Auseinandersetzung damit zukunftsweisendes Denken ist. Ihre erste Zusammenarbeit mit Theaterproduzent Blair Russell (Toni-nominierte Broadway-Produktion „Slave Play“) war eine einstündige VR-Sammlung von Original-Kurzstücken, die in Echtzeit mit Cartoon-Avataren für die SchauspielerInnen aufgeführt wurden, und es war ein voller Erfolg. Mehr Projekte sind nun schon in Planung. Denn: „Ein Gefühl der Gemeinschaft, die Tiefe der Geschichte, einzigartige flüchtige Erlebnisse machen Live-Auftritte zu etwas Besonderem und diese Dinge sind nicht exklusiv an eine opulente Theaterbühne mit Bühnenbeleuchtung gebunden.“
Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt? Wir wollen nicht auf Facebook oder sonstige „Big Player“ warten, bis eine weitere Kunstform von Kapitalismus definiert wird. Wir wollen diese spannende Zeit des Umbruchs, des Neuen, der digitalen Revolution aktiv miterleben und mitgestalten. Für euch, für uns, für heute, für morgen. Simon Meusburger stellt jedoch klar: „Mir ist wichtig, dass man das nicht als Ersatz für analoges Theater sieht. Wir haben hier eine eigene Form, die Vor- und Nachteile hat. (…) Als Kulturschaffende müssen wir das Feld auch nutzen und bespielen, und es nicht nur der Entertainmentindustrie überlassen. Es sind Dinge möglich, die in der analogen Welt undenkbar sind, und eine neue Barrierefreiheit – ich kann zum Beispiel mit einer im Ausland lebenden Freundin spontan gemeinsam ins Theater gehen. Ungetestet, ungeimpft, oder sogar, wenn ich gerade in Quarantäne bin.“
Von Lisa Zingerle Dezember 2021
Das Future Lab im Schubert Theater Wien, kuratiert von Lisa Zingerle, bietet einen Monat lang im Februar 2022 Einblicke in die digitale Theaterlandschaft, die sich mit Kulturvermittlung, neuen Technologien und Wissenschaft beschäftigt. In Diskussionsrunden kommen ExpertInnen wie Johanna Pirker, Reni Hofmüller, Lukas Mairhofer und KünstlerInnen wie Cosmea Spellaken, Simon Meusburger und die Puppenspielerin Manuela Linshalm zu Wort und beantworten gerne auch Publikumsfragen.
Voluminöse Schwänze und lila Verpackungsmüll sind ihre Statussymbole, Süßigkeiten von Menschen ihre Rauschmittel: Die Eichhörnchen sind die privilegierten Nager im Park. Da kommen Ratten aus der Kanalisation an die Oberfläche und fordern bessere Lebensbedingungen. „Oachkatzlschwoaf. Die Rebellion der Ratten“ feiert am 11.11.21 seine Uraufführung am Schubert Theater.
Regisseur Rodrigo Martinez stellt im Gespräch mit Dramaturgin Jana Schulz die Produktion und ihre spannenden Hintergründe vor.
„Oachkatzlschwoaf“ ist ein Stück von deinem Freund Daniel Ferreira Aparicio, das ihr ursprünglich in Mexiko uraufführen wolltet. Wovon handelt der Text?
Von einer Revolution, nach der alles noch schlimmer wird. Die Hauptprotagonisten sind zwei Ratten und ein Oachkatzl. Das Oachkatzl ist die Königin vom Park, und die Ratten planen in der Kanalisation darunter einen Aufstand.
Doch das ist keine blutige Rebellion von Anfang an. Man würde ja vielleicht vermuten: Die Oachkatzln sind privilegiert, nun kommen die Ratten, bringen sie um und nehmen ihren Platz ein. Aber das passiert nicht. Die Ratten marschieren ein in den Park, die Menschen verursachen ein Chaos, indem sie Hunde freilassen, und es kommt schließlich zu einer gemeinsamen Regierung der Ratten und Eichhörnchen, dem Kongress der Nager. Das ist sehr interessant, denn das ist auch ein wenig die Geschichte Mexikos.
Was ist da der historische Hintergrund?
Es ist schwierig, deutschsprachige Quellen dazu zu finden, da die Geschichte nach der Eroberung durch Hernán Cortés* stets aus der spanischen Perspektive** wiedergegeben wurde. Doch 800 Spanier gegen 200 000 Azteken hätten damals nichts ausrichten können. Es war auch eine Rebellion der Indigenen, die von den Azteken unterdrückt waren. Dann ist Hernán Cortés mit Tausenden von Indigenen einmarschiert, die Indigenen haben die Azteken komplett vernichtet, und schließlich haben die Spanier gemeinsam mit den Indigenen, vor allem den Tlaxcalern, eine gemeinsame Regierung gebildet.
Es war also nicht so, wie man oft denkt – die Spanier haben alle vernichtet – sondern es gab diese Zusammenarbeit. 90% der Indigenen sind dann wegen eingeschleppter Krankheiten gestorben. Im Nachhinein war es schlimm, nach hundert Jahren war es schlimm, aber am Anfang gab es eine gemeinsame Regierung, weil die Indigenen den Krieg gewonnen haben gegen die Azteken, nicht die Spanier.
Mexiko hat sich noch immer nicht von diesen kolonialistischen Zeiten erholt. Es ist immer noch so chaotisch. Die Unabhängigkeit liegt noch nicht so lange zurück, es gab viele Kriege*** in Mexiko, viel Instabilität – Mexiko geht‘s noch nicht gut.
Gibt es politische Gemeinsamkeiten zwischen Mexiko und Österreich?
Die politischen Realitäten in Mexiko und Österreich sind extrem unterschiedlich, aber es gibt ja immer universelle Gemeinsamkeiten: Schichten und Klassen, die die ganze Zeit streiten. Davon handelt auch das Stück.
Die einen wollen mehr Platz, mehr Privilegien. Und die, die die Privilegien haben, wollen sie weiter behalten. Das ist dieser Streit, den es überall gibt.
Die, die unten sind, nehmen sich, wie sie können. Wie Marx gesagt hat – ohne Blut und Gewalt gibt es keine Revolution. Jedenfalls meistens, mit wenigen Ausnahmen.
Warum ist „Oachkatzlschwoaf“ gerade für Österreich so interessant?
Ich glaube, das Stück ist sehr aktuell, insbesondere gerade hier und jetzt in Österreich. Weil es viele Streitereien gibt: Wer bleibt in der Regierung, wer darf was haben, wer nicht, warum sollen die „Ausländer“ einen Platz haben oder nicht – ich selber als „Ausländer“ finde das sehr zutreffend.
Natürlich identifiziere ich mich mit den Ratten im Stück, weil ich fühle, dass ich hier eine „Ratte“ bin – seit Langem. Und ich streite darum, einen Platz zu bekommen, in der Gesellschaft, im kulturellen Bereich. Es ist immer ein Streit für mich. Deswegen habe ich eine andere Sicht auf das Stück. Das Puppenspielteam sind eine Österreicherin, ein Österreicher und eine Deutsche. Wir diskutieren viel in den Proben, denn manchmal verstehen die Schauspieler diese „Streit“-Ansicht nicht. Ich verstehe, warum – weil sie an Privilegien gewohnt sind. Und dann erkläre ich , warum das wichtig ist. Und wie dieser Streit insgesamt funktioniert.
Ich habe oft das Problem, zum Beispiel auch mit meinen Wiener Mitbewohnern, dass sie das nicht nachvollziehen können. Warum ich beleidigt bin, zum Beispiel, wenn Leute mich auf der Straße auf Englisch anreden. Das ist eine Kleinigkeit, aber es zeigt, wie du wahrgenommen wirst. In der Stadt, in deinem täglichen Leben.
Sie verstehen nicht, warum ich mich ärgere, aber es gibt immer einen leichten Rassismus hier, den wir, die „Ausländer“, merken, und vor allem, wenn du „dunkel“ bist, hier in der Stadt. Am Schluss verstehen sie mich aber doch. Und sagen, wenn so was passiert, musst du ganz Wienerisch antworten (in perfektem Wienerisch): „Ey was schaust du mich so an du Wappler“.
Die Stücke, die wir in Wien sehen, sind auch meist aus so einer priviligierten Position heraus verfasst und inszeniert. Diesen Perspektivwechsel brauchen wir also ganz dringend. Hast du ein Beispiel aus dem Stück, wo du merkst, dass deine Perspektive eine andere ist?
Es gibt eine Szene, in der die Königin Adivina mit dem Thronfolger Yoyo alleine redet und ihn einschult. „Hier gibts‘s Regeln, pass auf, im Park gibt es uns, und es gibt diese anderen Oachkatzln mit grauem Fell. Du darfst ihnen nie Platz geben, sonst nehmen sie sich alles“.
Und dann hatte ich eine Diskussion mit der Darstellerin von Adivina, die meinte, Adivina müsste doch sagen, „du darfst den Ratten keinen Platz geben, sonst nehmen sie sich alles“. Aber nein! Es ist noch schlimmer, dass es Adivina nicht mal in den Sinn kommt, dass die Ratten irgendwann mal raufkommen werden. Die größte Angst hat sie vor den grauen Eichhörnchen.
Adivina ist ein tragischer Charakter, sie kann nicht über ihren Tellerrand sehen. Und dann ist die Szene mit dem Einmarsch der Ratten für sie urschlimm, weil sie nur an ihre kleine Welt denkt. Das ist sehr bezeichnend. Hier in Österreich wundere ich mich manchmal über die Probleme der Leute . In Mexiko, unter Coronabedingungen, könnten sie so nie überleben. Du sitzt da seit eineinhalb Jahren mit sozialer Absicherung und so weiter, und beschwerst dich? Weißt du, wie es meiner Familie in Mexiko geht, mit Corona?
Du siehst die Schichtzusammensetzungen hier sehr viel klarer.
Ja, sie leben in einem Traum, in einer Bubble! Sie wissen nicht, wie die Welt wirklich ist. Sie haben immer Essen auf dem Tisch gehabt. Ich hab schon ein paar mal kein Essen gehabt, und das ändert etwas an deiner Weltsicht.
Auch die Theaterwelt in Mexiko ist ungleich härter, oder?
Ja, in Mexiko muss man schauen, wie man überlebt. Die Förderungen sind gering, die Theaterhäuser gehören der Stadt. Die Häuser produzieren nichts Eigenes, es gibt nur freie Gruppen, die bekommen zwar einen Platz, um was zu zeigen, aber davon kannst du nie überleben, nie. Du musst immer nebenbei was machen. Deswegen sind Österreich und Wien eine Oase für Künstler. Denn wenn du Künstler bist und vielleicht keine Förderungen bekommst, sind die sozialen Bedingungen dennoch gut. Hier in Wien sind wir doch noch immer rotes Wien, und dann kriegst du zumindest Mindestsicherung, auch wenn du keine Förderung hast. Ich glaube, die MA40 ist wichtig für die Kunstgesellschaft hier. Und ich finde es nicht schlecht, solange es keine andere Lösung gibt. Es gibt ja kein Magistrat für Künstler. Dann eben MA40, für die Künstler und das restliche Prekariat.
Wie bist du zum Figurentheater gekommen?
Ich habe in Mexiko Regie studiert und hier in Wien Bühnenbild. Und in Amerika eine Lehre bei Bread and Puppet gemacht. Hier kennt man sie kaum, sie sind aber für die Puppenszene in der Welt sehr wichtig.
Bread and Puppet ist ein Puppenparadies. Im Norden von Amerika in Vermont, in einem sehr linken Ort, mitten im Wald, leben die Menschen von Bread and Puppet als Kommune. Sie bauen selber ihr Essen an und entwickeln eigene Spektakel. Das Motto ist „Cheap Arts“: Puppen aus Müll. Du stehst um 7 Uhr auf, arbeitest für die Kommune, am Land, putzen, kochen und sowas, und ab 12 beginnen die Proben. Bis zum Abend, jeden Tag. Diese Art von Leben war sehr interessant für mich, ich bin eigentlich null Hippie. Es war eine sehr gute Erfahrung. Dieser Zugang zu Kunst, dass es auch so geht. Okay, ich kriege ein bisschen Gemüse, einfach irgendwas zum Essen, und darüber hinaus gibt es überhaupt kein Konsumdenken. Du darfst kein Handy haben, kein Internet, nix. Du bist dort allein, mit den Puppen und den anderen Hippies. Was macht man, wenn man kein Internet hat? Puppen bauen!
Bread and Puppet waren also ein wichtiger Einfluss für dich?
Ja, das hat mich geprägt, diese Ansicht von Kunst. Dass Kunst nicht so teuer sein muss und kompliziert. Simon Meusburger hat mich gefragt, wie haben sie dort beleuchtet? Naja, sie haben irgendeine Lampe mit Gaffa gebastelt und fertig. Irgendwie! Licht und fertig. Aber die Spektakel dort – wirklich gut! Riesenpuppen machen sie zum Beispiel, 5 Meter hoch. Aus Pappmaché. Drinnen im Theater. Nur Schichten aus Karton. Trotzdem waren das Puppen. Gespielt mit Schnüren. Und nur aus Müll gemacht.
Bei dieser Produktion hast du viel Veranwortung: Regie, Übersetzung, Bühne und Puppenbau.
Ja, ich muss sehr organisiert sein. Ich setze mich seit vier Monaten täglich mit dem Stück auseinander, und ich will, dass es gut wird, deswegen ist es sehr befriedigend. Vor allem jetzt, in dieser Phase, in der ich die Ergebnisse von vielen Monaten sehe. Jetzt steht der Baum auf der Bühne! Die Puppen auch. Alles hat jetzt einen Sinn.
Ursprünglich war das Stück nicht für Puppen geschrieben, aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie das mit Menschen gehen sollte. Für mich ist es perfekt mit Puppen. Der Puppenbau war eine Riesenherausforderung, weil Pelz schwer zu nähen ist. Lisa Zingerle hat mir zum Glück sehr geholfen. Die Strukturen habe ich selber gebaut, Lisa hat die Überzüge gemacht.
Übersetzt habe ich gemeinsam mit Irene Palmetshofer, das war auch eine Herausforderung, weil das Stück in verschiedenen Dialekten geschrieben ist, von mexikanischem Hochspanisch bis „Prolo-Spanisch“. Wir haben uns dann gegen die Übertragung im Dialekt entschieden, weil da die Frage aufkommt: Wer spricht welche Art von österreichischen Deutsch? Welchen Dialekt sprechen die Ratten, welchen die Oachkatzl? Dann reden am Ende die „Ausländer“ das „Proletendeutsch“ und das ist politisch eine schlechte Aussage. Denn was benutzt man für die Rattensprache? „Türkisch-deutsch“, „jugo-deutsch“, „latino-deutsch“, „afrikanisch-deutsch“? Dann würde man das polemisch in eine Richtung lenken, um die es gar nicht geht. Die einzige „Ausländerin“ in unserer Inszenierung ist die Fliege, die Erzählerin.
„Oachkatzlschwoaf“ wirft einen ziemlich frischen, klaren Blick auf unseren Kulturkreis.
Ich bin gespannt, wie das Publikum reagiert. Denn die Dramaturgie und manche Sachen sind doch sehr speziell. Manches ist sehr schräg für die Leute hier. Wie kann jemand auf der Bühne sowas sagen, das mit der dunklen Haut und so? „Das sagt man ned“. Es ist aber eine Realität. Ich glaube schon, dass in intimer Atmosphäre sowas gesagt wird.
Danke für das Interview.
Danke auch – ich muss weiter, die Bühne bauen!
*Hernán Cortés, spanischer Konquistador, besiegte 1521 mit Hilfe einheimischer Völker die Azteken und war bis 1530 Generalgouverneur von Neuspanien.
**Rodrigo zur anderen Perspektive: „Vieles wurde von den Mönchen in Neuspanien, wie Fray Bartolome de las Casas („Historia de las Indias“ von 1552 / „Brevisima relacion de la destruccion de las Indias“ von 1559), von Historikern wie Miguel Leon Portilla oder auch in literarischen Werken wie „Cuahutemoc y Eulalia“ von Salvador Novo, „Cortes y la Malinche“ und „Los Argonautas“ von Sergio Magaña oder der Erzählung „La culpa es de los tlaxcaltecas“ von Elena Garro dokumentiert. Es gibt auch ein koloniales Gemälde mit dem Titel „Lienzo de Tlaxcala“, auf dem Zusammenarbeit der Tlaxcaltecas (die sich auch als Eroberer von Mexiko Tenochtitlan betrachteten) und der spanischen Krone zu sehen ist.“
***Mexikanischer Unabhängigkeitskrieg von 1810 bis 1821; 1824 wurde Mexiko eine Republik und erhielt eine bundesstaatliche Verfassung; Mexikanisch-Amerikanischer Krieg von 1846 bis 1848, Zweites Kaiserreich unter Kaiser Maximilian I., Bruder des österreichischen Kaisers Franz Joseph I., von 1864 bis 1867; 1867 wurde die Regierung offiziell wiederhergestellt unter Benito Juárez, einem gebürtigen Zapoteken.
Mischwesen aus Mensch und Tier, Ursuppen in Vitrinen, Schädel, die im losen Raum zu schweben scheinen, Blüten die zu Augen werden – Bildwelten, wie sie Künstler*innen wie Odilon Redon oder Unica Zürn geschaffen haben, inspirieren Spitzwegerich, die dem Wort Paul Celans; dem „Finstergewächs“ in die Dunkelheit, in wimmelnde Strukturlosigkeit folgen. Im Wechselspiel von Sichtbarkeit und Verdunkelung, Hörbarem und Verständlichem, geht es an verborgene Geschichte, vibrierende Latenz: Eine Performance aus Noise, Klang, Musik, Text aus Live-Illustrationen und Elementen des Figurentheaters entspinnt sich. Es sind künstlerische Grenzgänge zwischen Abstraktem und Konkretem auf der Suche nach einer Form, in der die Kunstformen einander stützen indem sie sich gegenseitig Raum geben, einzeln wie verbunden auftreten und immer wieder ineinander übergreifen.
Experimentelles LOW-TEC-Theater par excellence.
Presse-Zitat: „„Finstergewächs“ der Gruppe „Spitzwegerich“ im Schubert Theater Wien öffnet viele (Gedanken-)Räume. (…) Mit Licht und Schatten, Sprache und Objekten – so manche davon „nur“ auf Folien gezeichnet und mit Hilfe guter alter Overhead-Projektoren an die Rückwand geworfen – richtet die Gruppe „Spitzwegerich“ Wirbelstürme in den Köpfen des Publikums an. Dazwischen aber wiederum auch ziemliche Stille. Ruhe wie fast im sprichwörtlichen Auge des Orkans.“ (von Heinz Wagner/KiJuKu)
Von und mit: Natascha Gangl, Manfred Engelmayr, Birgit Kellner, Maja Osojnik
Text: Natascha Gangl
Bühne, Kostüm, Figuren, Projektionen: Birgit Kellner & Christian Schlechter
Komposition, Live-Musik: Manfred Engelmayr & Maja Osojnik
Produktion, Licht: Felix Huber
Figurenbau: Rebekah Wild & Spitzwegerich
Werkstatt: David Gamel, Felix Huber, Birgit Kellner, Christian Schlechter
Hospitanz: Johanna Egger
Beratung: Asli Kislal, Rebekah Wild
Konzept: Spitzwegerich
Fotocredit: Apollonia Theresa Bitzan
Dank an Familie Kellner, Maxe Mackinger und Petra Schnakenberg
In Kooperation mit dem Schubert Theater Wien.
Gefördert durch die Kulturabteilung der Stadt Wien, des BMKOES sowie der Abteilung 9, Kultur, Europa, Sport des Landes Steiermark.
Dauer: ca. 70 Minuten
Uraufführung: 15. Dezember 2021
weitere Termine: 16. & 17. Dezember 2021, 14., 15. & 16. Jänner 2022 sowie 30. September und 1. und 2. Oktober 2022
Kartenreservierungen sind über den Spielplan möglich.
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