Rund um Halloween, Allerheiligen und Allerseelen sind besondere Tage – und vor allem Nächte: Gedanken über Tod, Glauben, Tradition und Vergebung lassen uns in dieser mythischen Zeit besonders in wundersame Geschichten eintauchen. Ein perfekter Zeitpunkt um zwei großartige internationale Vertreter*innen der Puppenkunst zum ersten Mal in Wien zu entdecken.
ABSAGE: Leider musste das Gastspiel „Pour Bien Dormir“/“The Good Sleep“ von Companie Mecanika abgesagt werden. Wir bemühen uns um eine Verschiebung ins nächste Jahr. Dafür zeigen wir eine Zusatzvorstellung von „The Dark Trullala“ am 2. November 2022. Empfehlung für den 1. November: Sarah Wissners Stück „Raschel“ für alle ab 3 Jahren in der WUK Kinderkultur.
Sarah Wissner: The Dark Trullala
31. Oktober & 2. November 2022:
Zum ersten Mal in Wien zu sehen ist „The Dark Trullala – Albtraum einer Puppenspielerin“, in dem die junge Theatermacherin Sarah Wissner (D) gegen die Machtübernahme ihrer Puppen ankämpfen muss. Seit vielen Generationen lassen Puppenspieler ihren Kasper für uns tanzen, lassen ihn ihre Gedanken leben und unterwerfen ihn ihrer Kontrolle. Doch nun kommt es zu einem Führungswechsel. Der Kasper und sein Gefolge machen sich selbstständig und versuchen, ihre Puppenspielerin der Macht zu berauben. Doch ob dieser Machtkampf gegen eine Figur, die nicht sterben kann, tatsächlich glückt?
>>> Wer zur „Dark Trullala“ am 31. Oktober im Grusel-Kostüm erscheint zahlt einen ermäßigten Preis von 18 Euro und bekommt ein Freigetränk <<<
1. & 2. November 2022: ABGESAGT „The Good Sleep“ von/mit Paulo Duarte (Companie MECANIkA)
Paulo Duarte: The Good Sleep/Pour bien dormir
In Kooperation mit WUK Kinderkultur: Am 1. und 2. November gibt es Sarah Wissners Stück „Raschel“ in der WUK Kinderkultur zu sehen! Materialtheater für jeden ab 3 Jahren.
Das Festival wird von Kultur im 9. Alsergrund unterstützt – vielen Dank!
Dieses Sci-Fi-Figuren-Abenteuer basiert auf dem Roman von Philip K. Dick und dessen Verfilmungen von Ridley Scott, und ist doch etwas ganz Neues.
Dystopischer Ausgangspunkt ist eine von Atomkriegen und Umweltkatastrophen zerstörte Welt, in der die meisten Tiere ausgestorben und ein Großteil der Menschen auf den Mars ausgewandert sind. Illegale Androiden – auch „Andys“ genannt – werden für Kopfgeld gejagt. Entwickelt werden die Androiden von Jane, einer genialen Biomechanikerin ihrer Zeit, deren einzige Bezugsperson jedoch ein von ihr geheim gehaltener Andy ist.
Jane wird überraschend von Phil Deckard aufgesucht, einem Agenten der Androiden-Fabrik Tyrell Corporation. Doch er sucht nicht nur Janes‘ Hilfe für seinen kaputten, elektronischen Hund. Er hat den Auftrag, die neueste Generation der Androiden zu prüfen. Dies gelingt nur mit komplexen Tests wie der Voigt-Kampff-Apparatur, einer Mischung aus Turing-Test, psychologischer Befragung und Mikroreaktionszeitmessung.
Doch ist Phil tatsächlich der Prüfer oder doch der Geprüfte? Welches Geheimnis versteckt sich in Janes Erinnerungen? Und wie weit können wir noch Mensch sein in einer entmenschlichten Welt?
Ein rasanter Science-Fiction-Krimi mit Humor, Tiefgang und einem überraschenden Plot-Twist.
Die Figurentheater-Premiere ist inspiriert durch den 1968 erschienener Science-Fiction-Klassiker von Philip K. Dick „Blade Runner – Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ und dessen Verfilmungen. Anders als in den Filmen behandelt Regisseur Simon Meusburger mit Puppenbildnerin Soffi Povo und Puppenspieler Angelo Konzett die Frage des Romans, was Menschen zu Menschen macht, indem es die verschwimmende Grenze zwischen Menschen und Androiden in den Vordergrund stellt.
Durch den ganzen Roman hindurch sind prophetisch-parodistische Seitenhiebe zu spüren. Nicht nur durch die emotionale Verwicklung des modernen Menschen zum Tier, ohne einer tatsächlichen Besserung des Tierwohls, sondern auch des lebendigen, ‚echten’ Tieres als Statussymbol einer durch den Menschen zerstörten Welt ohne Lebensraum. Und auch die Abhängigkeit des sozialen Lebens vom virtuellen Metaverse wird satirisch hinterfragt.
Eine Buch-Rezension unseres Partners Ö1 vom 6. September 2021 von Julia Reuter finden Sie HIER.
Dauer: 70 Minuten Premiere: 20. Oktober 2022 Derniere: 8. Dezember 2023
TEAM: Regie, Musik: Simon Meusburger Spiel: Soffi Povo und Angelo Konzett analoge Puppen: Soffi Povo digitale Puppen & VR-Design: Mathias Hradecsni & Olya Toltinova Kostüm: Lisa Zingerle Bühne: Angelo Konzett Ausstattung: Soffi Povo, Lisa Zingerle, Angelo Konzett Lichtdesign: Simon Meusburger & Marvin Schriebl Produktionsleitung: Marvin Schriebl Foto: Barbara Palffy Video: Johannes Hammel
Eine Produktion des Schubert Theater Wiens.
Unterstützt durch die Stadt Wien und dem Bundesministerium.
Echtzeitkunstwelt ist eine Virtual Reality (VR) Plattform, die mit erweiterten Kunstwelten experimentiert. In Kooperation mit dem Schubert Theater bieten wir einem interessierten Publikum die einzigartige Möglichkeit hinter die Kulissen der Entstehung eines VR-Projekts zu blicken. Vielleicht treffen Sie die eine oder andere Figur wieder, die Sie schon kennen? Oder Sie werden diese Figur? Sie setzen sich eine Brille auf und die Reise kann beginnen. Die Besucher*innen können sich frei im Zuschauerraum bewegen und die VR-Welt erkunden. Keine Angst – unser Team ist Ihnen jederzeit zur Hand und begleitet Sie.
Termin: Mittwoch, 22. Februar 2022 von 16:30-19:30 Uhr
Es können jeweils 6 Besucher*innen pro Zeitfenster teilnehmen.
1. Zeitfenster: 16:30 – 17:00 Uhr
2. Zeitfenster: 17:00 – 17:30 Uhr
3. Zeitfenster: 17:30 – 18:00 Uhr
4. Zeitfenster: 18:00 – 18:30 Uhr
5. Zeitfenster: 18:30 – 19:00 Uhr
6. Zeitfenster: 19:00 – 19:30 Uhr
Anmeldung mit Angabe des gewünschten Zeitfenster ist HIER möglich.
Preis: freier Eintritt
Dauer: 30 Minuten
Wir bitten, spätestens 5 Minuten vor Beginn des gebuchten Zeitfensters zu erscheinen.
Team:
Dominik Grünbühel
Norbert Unfug
Sebastian Pirch
Gefördert durch das Programm „Perspektiven. Innovation. Kunst“ des BMKÖS (Bundesministerium für Kunst, Kultur, Öffentlicher Dienst und Sport), in Kooperation mit dem Schubert Theater Wien.
Die Puppen spazieren wieder – der zweite „Spaziergang für die Figur“ präsentiert sich in einer tierischen Version: Passend zu den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen diesen Herbst in Österreich stellen sich vier animalische Kandidaten des Schubert Theaters zur Wahl, zum Wahlkampf der Tiere. Im Juni 2022
Werden Sie Zeugen von Ratten-Revolutionen, Wahlkampfreden von Wildschweinen und Maden und lassen Sie sich von den Kommentatoren Grinsekatze und Affenkönig Sunni die eine oder andere Tier-Anekdote aus Wien erzählen. Ein lustig-beschwingter Spaziergang rund ums Schubert Theater im schönen Alsergrund mit tierischem Ernst: Als letzte Station wird die gelebte Demokratie mit einer Wahl des Publikums geprüft.
Spaziert wird jedes Wochenende im Juni, samstags 14:30 Uhr und 17:30 Uhr, sonntags 11 und 15 Uhr. Startpunkt ist immer das Schubert Theater. Tauchen Sie ein in die tierischen Welten des Wiener Schubert Theaters und sehen Sie die besten animalischen Szenen unserer Produktionen endlich in freier Wildbahn.
Im August gibt es den Spaziergang beim „Hin&Weg“-Theaterfestival in Litschau zu sehen. Exklusiv wird es dort auch nochmals den ersten „Spaziergang für die Figur“ mit Berühmtheiten wie Joseph Haydn, H.C. Artmann oder Hedy Lamarr zu erleben geben.
Auch Donaukanal TV ist mit uns spaziert und hat diesen schönen Beitrag darüber gemacht:
Startpunkt ist immer das Schubert Theater in der Währinger Straße 46 (sehr gut mit dem Öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrad erreichbar).
Dauer: ca. 70 Min
Premiere: 4. Juni 2022
Termine: jedes Juni-Wochenende, samstags 14:30 & 17:30 Uhr, sonntags 11:00 & 15 Uhr
(4. & 5., 11. & 12., 18. & 19. und 25. & 26. Juni 2022)
Mit Soffi Povo
Angelo Konzett
Markus-Peter Gössler Regie Simon Meusburger Konzept & Leitung Lisa Zingerle Puppen Annemarie Arzberger
Rodrigo Martinez
Claudia Six Fotos Barbara Palffy
Grafik Ilkhan Erdogan und Lisa Zingerle Produktionsleitung
Marvin Schriebl
Eine Produktion des Schubert Theater Wiens. Unterstützt durch die Stadt Wien und das Bundesministerium BMKÖS.
Erinnerungen von Simon Meusburger zur Entstehung von „F.Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“
Es war einmal…
…vor zehn Jahren. Unser kleines Schubert Theater hat die turbulenten Gründungsjahre überstanden, wir haben mit dem Puppentheater die Form gefunden, die zukünftig unser Profil und unser Gesicht sein soll. Am Spielplan stehen die ersten Inszenierungen in dem für uns noch so neuen Genre: „Schlag sie tot“ ist unsere allererste Puppenproduktion, eine bitterböse, an Kreislers Lieder angelehnte schwarze Komödie über den Wiener Pensionisten Herrn Berni. „Der Herr Karl“ ist unsere Puppentheaterversion des Qualtinger-Klassikers, „Freaks“eine schräge Stummfilmadaption und „Becoming Peter Pan – An Epilogue to Michael Jackson“ kombiniert die Biografie des verstorbenen King of Pop mit Elementen aus dem Märchen Peter Pan.
Das nächste Projekt, das ich wieder gemeinsam mit dem Puppenkünstler und damaligen Co-Direktor Nikolaus Habjan realisieren möchte, ist eine Adaption von Frankenstein. Dafür haben wir eine Projektförderung der Stadt Wien bekommen. Für uns zu diesem Zeitpunkt ein großer Luxus. Der Weg, das Figurentheater für Erwachsene als eigene Theaterform mit eigenem Haus in Wien zu etablieren, hat gerade erst begonnen.
Eines Tages ruft mich Nikolaus an und berichtet mir ganz aufgeregt von einem Artikel über einen gewissen Dr. Heinrich Gross, „dem Frankenstein vom Spielgelgrund“. Er führt zu einem Fall aus dem dritten Reich, der für uns ebenso neu wie unfassbar ist. Das sollte unser Stoff sein, meinte Nikolaus. Ich bin zuerst skeptisch: Einem klassischen „Nazi-Monster“ möchte ich keine Bühne bieten. Bald darauf dann der nächste Anruf. Irgendetwas in Nikis Stimme ist diesmal ganz anders, das ist weitaus mehr als nur euphorische Aufgeregtheit. Es ist, im Nachhinein betrachtet, die Gewissheit, etwas vollkommen Richtiges, Wahrhaftiges gefunden zu haben.
Er berichtet mir von einem gewissen Herrn Friedrich Zawrel, einem Überlebenden des Spiegelgrundes, einer der größten NS-Euthanasiekliniken in Wien. Zawrel sei der Mann, der den Fall Gross schlussendlich doch noch ins Rollen brachte. Über diesen Helden sollten wir unser Stück machen, nicht über Frankenstein. Nun bin auch ich gänzlich überzeugt.
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit Friedrich. Niki hatte schon ein oder zwei Gespräche mit ihm geführt und beim dritten Gespräch bin ich zum ersten Mal mit dabei. Friedrich ist gerade in ein Altenheim umgezogen. Sein Zimmer ist voll mit Büchern und Mappen und Fotos, alles sehr ordentlich in Regale geschlichtet. Ich bin sehr aufgeregt und habe ehrlich gesagt Angst, was mich erwartet. Ich weiß ja schon, dass wir gleich eine zutiefst grausame und traumatische Geschichte zu hören bekommen. Friedrich scheint meine Angst zu spüren, denn er beginnt seine Erzählung mit einer Erinnerung, die beseelt ist von seinem unvergleichlichen Humor.
Er erzählt uns, wie er kurz vor Kriegsende mit dem Schiff nach Regensburg transportiert wurde und wie er dort in Gefangenschaft die Befreiung durch die Alliierten erlebte. Da habe er zum ersten mal einen Schwarzafrikaner gesehen und war zutiefst beeindruckt von seiner schwarzen Hautfarbe. Mit blumigen Bildern und unglaublich humorvoll schildert uns Friedrich, wie er, der er bis dahin keine Schulbildung genossen hatte, auf diese Begegnung reagiert hat. Er erzählt uns von dem ersten Kakao und Krapfen, die er und die Mitgefangenen von den Befreiern bekommen hatten. Dass man sich damals die Mühe gemacht habe diese fein säuberlich in Papier einzupacken, rührt Friedrich noch immer. Und wir sind alle zu Tränen gerührt, als er uns erzählt, wie er diesen ersten Krapfen und den Kakao nach dem Krieg in kleinen Schlucken und Bissen unter Freudentränen genossen hat. Er erzählt uns weiter von seiner Angst, die er beim ersten Anblick des schwarzafrikanischen Offiziers hatte, weil dieser so komisch die Zähne gefletscht hat. Er macht seine Mundbewegungen nach und wir lachen. Bis er schließlich feststellt, dass dieser einen Kaugummi kaut. Er hatte einfach noch nie einen Kaugummi gesehen. Wieder ein Lacher. Jahrzehnte später, so Friedrich weiter, erzählt er diese Geschichte immer bei seinen Vorträgen als Zeitzeuge in den Schulen. Die Kaugummi-Geschichte kommt immer gut an bei den Schülern, erzählt er mit seinem typischen verschmitzten Lächeln. Eines Tages kommt bei einem seiner Vorträge ein Schüler schwarzafrikanischer Herkunft auf ihn zu und sagt zu dem kleinen, alten Mann: „Vielen Dank Herr Zawrel, sie sind einer der wenigen Leute, die Positives erzählen über Menschen meiner Hautfarbe“ Er gibt ihm ein kleines Geschenk: Einen Kaugummi. Friedrich holt eine kleine Schachtel und zeigt uns seinen Schatz! Den Kaugummi bewahrt er in der Schachtel des Ehrenkreuzes der Stadt Wien auf, er ist ihm viel mehr wert als jede Auszeichnung! Ich bin voller Tränen und Friedrich lächelt. „Warum weints ihr denn, die schlimmen Sachen hab ich euch ja no gar nicht erzählt“.
Ein paar Tage später habe ich die etwas unangenehme Aufgabe, die KuratorInnen der Stadt Wien zu informieren, dass wir die bereits zugesagte Stücksubvention für ein ganz anderes Projekt als Frankenstein verwenden möchten. Im Cafe Heumarkt findet die Besprechung statt, ich bin etwas nervös und doch siegessicher. Ich erzähle von meinen ersten Begegnungen mit Friedrich und natürlich gebe ich auch die Kaugummigeschichte zum Besten. Zwei KuratorInnen haben Tränen in den Augen, die Umwidmung ist kein Problem.
Wir führen noch viele Interviews mit Friedrich und am Ende haben wir 30 oder 40 Stunden Ton- und Videomaterial, dazu Aufzeichnungen, die uns Friedrich zur Verfügung stellt, Briefe von SchülerInnen, die in seinen Vorträgen waren und vieles mehr. Mir kommt die ehrenvolle Aufgabe zu, daraus eine erste Textfassung zu erstellen. Umgeben von Audiofiles, Büchern und Dokumenten schreibe ich drei Tage lang fast ohne mein Sofa zu verlassen. Zusammen mit Nikolaus und dem besten Dramaturgen, Friedrich Zawrel selbst, entsteht das Buch zu „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“. Wir sind unendlich erleichtert, dass Friedrich mit der Fassung zufrieden ist. Von Anfang an war unser Ziel, dass er selbst überzeugt sein sollte, was auf die Bühne gebracht werden soll und was nicht. Es ist eine merkwürdige intensive Arbeit, die dennoch leicht von der Hand geht, weil Friedrich selbst ein begnadeter Erzähler ist.
Die Proben beginnen und damit wird die Arbeit immer emotionaler und intensiver. Erstens, weil Nikolaus mit seinen Puppen vom ersten Probentag an so unglaublich real und intensiv spielt, und zweitens, weil uns allen immer bewusst ist, dass alles, was wir hier auf der Bühne nachstellen, wirklich passiert ist. Alle Szenen, die Friedrich beim Erzählen zeigen, proben sich wie von selbst. Nikolaus ist virtuos und da er selbst mit mir am Buch gearbeitet und Friedrich selbst so oft interviewt hat, braucht es quasi keine Rollenarbeit mehr. Die Szenen, die Friedrich als Kind am Spiegelgrund zeigen, sind aber für alle und insbesondere für Nikolaus eine Herausforderung, und eigentlich wollen wir diesen realen Horror gar nicht proben. Wir finden immer wieder Ausreden, genau diese Sequenz zu springen. Irgendwann müssen wir uns aber aus Theatersicht auch diesen Szenen stellen. Zu wissen, dass eine echtes Kind, und mit ihm Tausende andere, diese Qualen erlebt hat, ist unerträglich. Alpträume begleiten uns nach den Proben im Schlaf, wir sehen wie intensiv unser Gehirn versucht, das verdichtet Gehörte und szenisch Geprobte weiter zu verarbeiten. Wir wägen ab, was wir dem Publikum zeigen können und was nicht, damit die Leute nicht vor der Hälfte des Stücks schon gehen wollen, weil es einfach unerträglich ist. Manchmal kommt auch Friedrich selbst zu den Proben, und immer, wenn das der Fall ist, findet Niki eine Ausrede, warum wir gerade nur eine Erzählsequenz und nicht die Kinderszenen proben. Die Premiere rückt näher und damit auch der Tag, an dem Friedrich das ganze Stück zum ersten Mal selbst sieht. Diesmal können wir nichts aussparen, er muss schließlich sein OK geben, dass diese Version seiner Geschichte so über die Bühne gehen soll. Zum ersten Mal in unsrer jahrelangen Zusammenarbeit erlebe ich Nikolaus nervös. Und wieder ist es Friedrich, der es uns leichter macht und uns die Angst nimmt. Als ihm Niki seine Bedenken äußerst, weil wir ihm nun seine Traumata wieder vor Augen führen müssen, meint Friedrich entwaffnend: „So schlimm ist das nicht, ich weiß ja, dass ich’s überlebt hab!“
Diese Probe, so wie die vielen Vorstellungen in Anwesenheit von Friedrich, bleibt für immer unvergessen. Am Ende sind wir alle wieder verheult. Friedrich ist zufrieden, aber der Schluss gefällt ihm gar nicht. Wir waren uns sehr unsicher, wie wir das Stück aufhören lassen sollten und haben mit einem fiktiven Dialog von Gross und Zawrel geliebäugelt oder mit einem viel zu kitschigen Charlie-Chaplin-Zitat. Friedrich löste das Problem für uns. Er erzählte uns, wie er seine Vorträge immer enden ließ, und das war perfekt.
Als die Premiere von „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ im März 2012 im Schubert Theater stattfindet, denken wir daran, das Stück zumindest acht Mal zu spielen. So viele Vorstellungen sind finanziert. Wir sind zutiefst zufrieden mit unserer Arbeit und was noch wichtiger ist: Friedrich ist mit dieser Puppentheaterversion seines Lebens zufrieden. Es scheint uns kaum vorstellbar, dass sich viele Menschen für dieses historisch-dokumentarische Puppentheater interessieren würden, aber das kümmert uns nicht. Jetzt wollen wir erst einmal sehen, wie die ersten Menschen auf das Stück reagieren.
Was dann passiert, überrascht uns wirklich. Aus acht Vorstellungen werden über vierhundert. Die letzten zehn Jahre zeigen wir die Produktion im ganzen deutschsprachigen Raum in großen und kleineren Theatern immer und immer wieder. Und jedes einzelne Mal reagieren die Menschen mit stehenden Ovationen auf die Performance von Nikolaus und die Geschichte von Friedrich Zawrel, die viel mehr ist als die Geschichte eines Überlebenden des dritten Reiches. Es ist eine Geschichte über Menschlichkeit und Vergebung und es ist auch die Geschichte des Kampfs eines Mannes gegen ein unmenschliches System und gegen faschistische Ideen, die leider nicht nach dem Ende des Nationalsozialismus verschwunden sind, sondern in den dunklen Winkeln und Ecken unserer Demokratie weiterleben. Immer noch ist diese Geschichte in ihrer Vielschichtigkeit dringlich und wichtig. Und immer noch müssen wir sie erzählen.
So vieles passiert in diesen letzten zehn Jahren. Friedrich kann noch mit uns erleben, wie sein Stück mit dem Nestroypreis ausgezeichnet wird. Er ist mit dabei, als wir die Inszenierung für große Bühnen am Schauspielhaus Graz und im Akademietheater in Wien adaptierten. Besonders freut ihn, wenn viele SchülerInnen bei den Vorstellungen sind und mit ihm danach lange diskutieren. Und wir dürfen mit Friedrich Zeugen werden, wie sein Stück und seine Geschichte ein kleines bisschen die österreichische Justizgeschichte beeinflusst. Nach einer Galavorstellung im Justizministerium mit dem damaligen Justizminister Helmut Brandstätter, ist dieser sichtlich schockiert und überrascht von dem historischen Justizskandal, der sich ja bis in die 2000er Jahre zieht. Das Justizministerium sponsert schließlich die DVD unseres Stückes, so dass diese Geschichte für immer archiviert ist. Friedrich Zawrel wird das goldene Ehrenkreuz für Verdienste um die Republik Österreich verliehen.
Ich freue mich sehr, dass wir nach zehn Jahren „F.Zawrel“ im März 2022 wieder einmal im Schubert Theater zeigen können und uns daran erinnern, wie alles begann. Für das Schubert Theater bedeutet das Stück bis heute einen ersten Wendepunkt – dahingehend, dass wir als Puppentheater für Erwachsene ernst genommen werden. Als Künstler bin ich sehr dankbar, dass uns Friedrich damals vertrauensvoll sein Leben in unsere Hände gelegt hat, wie er das selbst sehr theatral formulierte, und uns eine wohl einzigartige intensive Theaterarbeit ermöglichte. Als Mensch bin ich sehr dankbar für die zahlreichen Begegnungen von Friedrich mit Jugendlichen, die nach dem Stück stattfanden. In einem von hunderten Briefen, die Friedrich nach seinen Vorträgen und auch nach dem Stück immer wieder geschickt bekam, berichtet ein Jugendlicher, wie sehr ihn Friedrichs Geschichte ermutigte und inspirierte. Er müsse gerade mit der Scheidung seiner Eltern umgehen, aber zu sehen, wie Friedrich sein Leben trotz seines Schicksals gemeistert hat, gebe ihm Hoffnung. Zu erleben, wie seine Geschichte eine junge Generation inspiriert und zum Nachdenken anregt, ist eins der erfüllendsten Erlebnisse meines künstlerischen Lebens.
2015 starb Friedrich Zawrel. Bei seinem Begräbnis waren nicht nur einige gerade amtierende politische VertreterInnen und JournalistInnen, sondern viele SchülerInnen, die er mit seiner Geschichte berührt hatte. Das hätte ihn sicher gefreut.
Seit Friedrichs Tod stelle ich mir immer wieder die Frage: Was hätte Friedrich wohl zu diesem oder jenem gesagt. Er war ja immer ein äußerst politisch interessierter Mensch und hat sich über einige politische Vertreter sehr ärgern können, weil er nie verstand, wie man die Demokratie so mit Füßen treten kann. Wenn man Friedrichs Geschichte und sein Leid durch die autoritären politischen Haltungen und Systeme bedenkt, ist das nur zu verständlich. Heute frage ich mich wieder: Was hätte Friedrich zu den politischen Ereignissen der letzten Zeit wohl gesagt. Ich kann mir vorstellen, vieles hätte ihn traurig gestimmt. Friedrich war nämlich selten wirklich wütend. „Ein Handschlag ist besser als ein Faustschlag“ pflegte er zu sagen, und aus seinem Mund klang das auch nicht wie eine Binsenweisheit.
Als wir damals bei eben jener Probe das Stückende besprachen, schrieb uns Friedrich quasi das Stück zu Ende. „Weißt du, Niki, du bist der Theaterfachmann“, sagte er, „aber ich beende meine Vorträge immer mit einem Gedicht.“
„Was geschieht“ von Erich Fried
Es ist geschehen
und es geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen
wenn nichts dagegen geschieht
Die Unschuldigen wissen von nichts
weil sie zu unschuldig sind
die Schuldigen wissen von nichts
weil sie zu schuldig sind
Die Armen merken es nicht
weil sie zu arm sind
die Reichen merken es nicht
weil sie zu reich sind
Die Dummen zucken die Achseln
weil sie zu dumm sind
und die Klugen zucken die Achseln
weil sie zu klug sind
Die Jungen kümmert es nicht
weil sie zu jung sind
und die Alten kümmert es nicht
weil sie zu alt sind
Darum geschieht nichts dagegen
und darum ist es geschehen
und geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen
wenn nichts dagegen geschieht
Friedrich Zawrel endete immer mit Hoffnung. So wie unser Stück auch mit der Hoffnung endet, dass jeder Mensch immer und jederzeit den Weg zum Besseren einschlagen kann. Danke, Friedrich, dass du diese Hoffnung mit uns geteilt hast.
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