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Puppen sterben besser. Doch sie sind solche Diven!

Ab Halloween lässt sich am Schubert Theater eine Woche lang schönstes Figurentheater zum Thema Tod
genießen: Vom 31.10 – 6.11. findet das dritte PUPPEN STERBEN BESSER FESTIVAL statt. Im Atelier
erhalten zwei der Figuren gerade ihren letzten Schliff. Ein Werkstattgespräch mit Festivalleiterin Lisa
Zingerle und den Puppenbauerinnen Barbara Kriegl und Rebekah Wild.

Redaktion: Jana Schulz
Fotos: Sebastian Kainradl

Warum sterben Puppen besser?

Zingerle: Die Schönheit des Figurentheaters liegt darin, dass man toten Objekten Leben einhaucht – und
auch wieder entzieht. Oft ist das für das Publikum greifbarer und ergreifender, als klassisches „Menschentheater“. Dort sieht man ja doch, dass der Schauspieler atmet. Auch wenn er vielleicht gerade den schönsten Theatertod gestorben ist, den es auf der Bühne gibt.
Wenn aber eine Puppe nicht mehr bespielt wird, ist sie wirklich leblos.

Kriegl: Puppen können übrigens alles besser. Nicht nur sterben.

Ein Schwerpunkt zum Tod drängt sich also geradezu auf bei einem Puppen-Festival?

Zingerle: Das ist jedenfalls der Ausgangspunkt des Festivals. Der Tod wird in unserer Gesellschaft
tabuisiert – dabei ist das eines der wenigen Themen, das uns ausnahmslos alle betrifft. Unser Körper hat
einfach ein Ablaufdatum. Je nachdem, wie gut wir ihn umsorgen, etwas früher oder später.

Die ersten Festivaltage werden mit einem Kurztheater über zwei beeindruckende alte Frauen
eröffnet: GOYA WEIBER, einer Kooperation von Wild Theatre und Theater Fidlfadn. Wie kam es dazu?

Wild: Zuerst wollten wir ein Märchen machen, konnten uns aber auf keines einigen. Da gab es keines, das
für ein zehnminütiges Stück für Erwachsene gepasst hätte. Dann haben wir gedacht – lassen wir uns doch
von einem Künstler inspirieren. Ich liebe Francisco de Goya, eigentlich alles von ihm, besonders aber
diese kleinen Serien über Hexen und alte Frauen.
Kriegl: Wir haben dann geschaut, welche Bilder eine schöne Geschichte ergeben.
Wild: Und hier sind sie, die zwei Puppen. Die beiden sind übrigens solche Diven!

Kriegl: Ja, jedes Mal, wenn wir geglaubt haben, wir sind schon fertig, haben die Puppen noch irgendeine
Änderung gewollt! Und wir dachten: Na gut, machen wir das noch. Und das noch. Eigentlich sollten es
ganz einfache Figuren sein. Ach nein, machen wir noch die Arme geschnitzt. Und die Beine. Und, und,
und…
Wild: Wirklich! Und das für ein ganz kurzes Stück. Ich mache sehr gerne so kurze Stücke. Man braucht
nicht viel. Trotzdem – jede Aktion verlangt eine gewisse Technik von der Figur, die die dann eben
können muss. Wir haben uns auch wirklich den Luxus gegönnt, gründlich dran zu arbeiten. Weil es ein
Kurzstück ist, ist man flexibler als bei einem langen – man muss ja keine Stunde füllen, man kann
wirklich nur die allerbesten Szenen nehmen.
Kriegl: Das Problem beim Figurenbau ist natürlich, dass der Aufwand der gleiche ist wie bei einem
abendfüllenden Stück.
Wild: Naja, und wir sind auch beide Perfektionistinnen.
Kriegl: Wir haben uns dann gegenseitig immer weiter aufgeputscht.

Diven, sagt ihr. Die Puppen entwickeln also ein Eigenleben. Ist das immer so?

Wild: Oh ja, das ist immer so!

Wenn ich eine Frage direkt an eine der Goya-Damen richten darf: Gibt es ein bestimmtes Ziel, das Sie mit Ihrem Auftritt verfolgen?

Puppe: Wir wollen unsere Schönheit präsentieren.
Kriegl: Beim Stück werden die beiden aber gar nicht sprechen, wir kommen ohne Worte aus.
Wild: Ich arbeite vorwiegend nonverbal. Ich liebe Worte und Dichter, aber Figurentheater hat so viele
Möglichkeiten, ohne Worte etwas zu sagen. Und auch dem Publikum eröffnet es andere Möglichkeiten –
es ist eine andere Art des Zuschauens. Es bedient andere Schalter im Hirn.
Zingerle: Das Spannende ist: Je weniger Sprache man verwendet, desto persönlicher kommt das Stück
daher, und desto persönlicher nimmt das Publikum es auf. Ohne Sprache fallen noch mehr Barrieren weg,
man kann es noch leichter auf sich beziehen.
Kriegl: Und Scott Wallace spielt dazu live auf ungewöhnlichen Instrumenten. Xaphoon und Bodhran,
vergleichbar mit Flöte und Trommel.

Zingerle: Ich freue mich besonders, dass wir beim Festival diesmal gleich drei Produktionen mit Live-
Musik haben: Neben den GOYA WEIBERN auch IM BLUT und LIEBESG’SCHICHTEN UND TODESSACHEN.

Inwiefern geht es bei den anderen Produktionen um den Tod?

Zingerle: Bei IM BLUT von Christoph Bochdansky und den Strottern geht es eigentlich um gescheiterte
Existenzen. Nicht immer ist es eine Person, die stirbt, sondern vielleicht auch mal ein Projekt. Oder eine
Romanze. Und dann muss man Abschied nehmen, und etwas gehen lassen. Das wird bei IM BLUT
zelebriert. Und bei LIEBESG’SCHICHTEN UND TODESSACHEN erleben wir einen
autobiographischen Abend von Barbara Spitz. Sie vereint dabei auf vollendete Weise britischen
schwarzen Humor mit wienerischem schwarzem Humor. Auf der Bühne wird sie dabei vom Pianisten
Otmar Binder unterstützt. Und von einem Schweinsbraten, der nicht ganz koscher ist.

Das sind ja schon einige Hinweise, wie wir das Ablaufdatum unseres Körpers etwas enttabuisieren können.

Ja, Humor öffnet nicht nur die Seele, sondern ermöglicht manchmal überhaupt erst Diskussionen. Mit
einem Lachen kannst du das Gespräch schneller und leichter eröffnen.
Die große Komödie des Festivals ist ROMEO & JULIA – LIEBE UND TOD IN DER KÜCHE. Hier
erleben wir eine große Materialschlacht und Objektmanipulationen. Kaufmann & Co. nehmen die
Perspektive der Köchinnen der verfeindeten Familien Capulet & Montague ein und stellen Shakespeares
Tragödie in der Küche nach. Die Produktion RAW vom Dramalabel dreht sich schließlich um Tod und
Medizin, Medizin als Gegner des Todes, sozusagen. Wenn wir im Krankenzimmer nur noch
dahinsiechen, ist das auch ein Ausgangspunkt für eine Diskussion – über Sterbehilfe.

Vielen Dank für das Gespräch.