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Okay

Ist die Maschine der bessere Mensch?

PROJEKT PINOCCHIO

4.10.19

Text: Jana Schulz

Fotos: Simon Meusburger

Dieser Blogbeitrag war als Interview mit Simon Meusburger geplant. Doch das Aufnahmegerät hat beim Gespräch versagt, beim Schreiben muss ich mich ausschließlich auf mein Gedächtnis verlassen. Ist es überhaupt noch zulänglich oder habe ich schon alle Verantwortung an die Maschine ausgelagert? Ein angemessener Einstieg in das Thema.

„Merken Sie sich meine Worte: Künstliche Intelligenz ist viel gefährlicher als Atomwaffen“ warnt Tesla-Chef Elon Musk. Regisseur Simon Meusburger zeigt sich hingegen optimistisch: „Die Menschheit hat sich ganz allein durch ihre natürliche Dummheit in unsere heutige, wenig hoffnungsvolle Lage manövriert. Ich glaube, keine künstliche Intelligenz würde so selbstzerstörerisch handeln wie der Mensch selbst“. Wie wäre es also mit einer ethischen KI, verlässlich, klug, unkorrumpierbar – einer Maschine, die der bessere Mensch ist? Einer Maschine, die die großen Probleme löst, an denen wir selbst immer wieder scheitern?

In PROJEKT PINOCCHIO, der neuen Produktion des Schubert Theaters (Premiere am 13.10.19), wagt ein Forscher*innenteam dieses Experiment. Zwei Entwicklerinnen (Lisa Furtner, Franziska Singer) und ihr Kollege (Christoph Hackenberg) verleihen einem Roboter ein Bewusstsein, indem sie das Märchen von Pinocchio in sein Rechenzentrum einspeisen. Und dann testen sie seine Reaktionen. Seine Eignung als Mensch, wenn man so will.

Der Clou an diesem Stück: Es wurde in großen Teilen von einer Maschine geschrieben. Simon Meusburger hat während seiner Recherchen zu PROJEKT PINOCCHIO beschlossen, den Theatertext gemeinsam mit der künstlichen Intelligenz GPT-2 zu verfassen. Wie kann man sich diese Co-Autorschaft vorstellen? „Ich gebe dem Programm eine kurze Passage aus dem Originaltext von Carlo Collodi. Oder ein, zwei einleitende Sätze zu einer Theaterszene, die ich ausgedacht habe. GPT-2 schreibt diese Texte dann weiter. Es ist faszinierend, welche Lösungen das Programm vorschlägt: Zum Beispiel lässt es den Roboter mit einem lauten Schrei zu Bewusstsein kommen. Es gibt auch eine beeindruckende Passage, in der die Künstliche Intelligenz beschreibt, was Bewusstsein eigentlich ausmacht“. Aber sind diese Texte denn nicht manchmal sinn- oder seelenlos? „Sie sind erstaunlich gut. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich teilweise selbst nicht mehr genau, was ich geschrieben habe und was von GPT-2 kommt“. Wohl musste Meusburger in der ersten Arbeitsphase sortieren und auswählen, denn das Programm ist nur in einer unvollkommenen Variante verfügbar. Die Vollversion war so gut, die Texte so täuschend echt, dass sie nicht veröffentlicht wurde – damit würde sich etwa das ganze Internet auf einen Schlag mit Fake News fluten lassen. Womit wir wieder bei Elon Musks Prognose wären.

Auch die Theatermusik kommt von einer KI, dem Kompositionsprogramm Aiva. Bei den ganz Großen hat es gelernt: Beethoven, Bach, Mozart. Manchmal sind die Kompositionen

bemerkenswert, manchmal sehr beliebig.

„Ich finde es sehr interessant, was es mit dem Zuschauer macht, wenn eine Szene oder eine Musik Emotionen in ihm auslöst – und er danach erfährt, dass sie von einer Maschine stammt“, sagt Simon Meusburger. Letztendlich geht es bei unserer intensiven Beschäftigung mit KI nicht um Technik, sondern um uns. Wir projizieren in die Maschine, sie spiegelt zurück. Es ist kein Zufall, dass wir unseren Robotern am Liebsten ein menschliches Antlitz verleihen, das dem Kindchenschema entspricht. Auch die Pinocchio-Puppe ist so angelegt (Puppenbau: Michaela Studeny).

PROJEKT PINOCCHIO spielt in der nahen Zukunft, es ist Science-Fiction, aber es ist nicht realitätsfern. Wir erinnern uns: 2017 hat ein Google-Programm selbstständig das extrem komplexe Brettspiel Go erlernt und den menschlichen Weltmeister besiegt. Go galt lange als eine Bastion des Menschen und seiner kreativen Denkansätze, für Maschinen nicht zu bewältigen. Nun hat die KI diese Hürde genommen.

„Ich sehe eine Chance in diesen Entwicklungen. Wir sollten uns wirklich wieder mehr besinnen auf das, was uns als Menschen ausmacht. Wir müssen uns nur ansehen, wie entmenschlicht unser Leben ist. Die Arbeitswelt ist nur ein Beispiel dafür. Künstliche Intelligenz könnte uns all diese entfremdete Arbeit abnehmen, und was uns Menschen dann noch zu tun bleibt, ist die wirklich kreative, schöne Arbeit, also beispielsweise originelle Kompositionen. Dann soll die immer gleiche Hollywood-Musik eben von einer Maschine geschrieben werden“.

Bei einem Probenbesuch habe ich mir von Simon Meusburger das Kompositionsprogramm zeigen lassen. Wir haben die Parameter auf „Sea Shanty“, „Dreivierteltakt“ und „Moll“ gestellt. Die recht beliebigen Ergebnisse waren eine Genugtuung. Zumindest bei der Seemannsmusik bleibt die Menschheit unschlagbar.

PROJEKT PINOCCHIO

Premiere: 13.10.19