2006 schloss ich mit einer damaligen Freundin eine Wette ab: Sollte es das Schubert Theater nach einem Jahr noch geben, würde ich eine Flasche Sekt spendieren. Zwanzig Jahre sind vergangen. Die Welt hat sich verändert. Die Wette haben wir schließlich eingelöst – allerdings nicht mehr mit einer Flasche Sekt, sondern mit Champagner. Und das Schubert Theater ist immer noch da. Mehr noch: Es ist gewachsen, hat Krisen überstanden, sich immer wieder neu erfunden und ist durch all diese Jahre prächtig gediehen.
Wenn ich zurückblicke, denke ich an unzählige Begegnungen mit Menschen, die dieses Haus geprägt haben: KünstlerInnen, TechnikerInnen, WegbegleiterInnen und nicht zuletzt wunderbare Menschen im Publikum. Sie alle haben Spuren hinterlassen.
Eine Erinnerung unter den vielen schönen Begegnungen steht ganz am Anfang: Ich sitze mit Niki in der Dachbodenwohnung meiner Großmutter in Bregenz. Es ist Sommer. Tagsüber habe ich bei den Bregenzer Festspielen gearbeitet, abends sitzen wir zwischen Papier, Notizen und den ersten Klappmaulpuppenköpfen, die Niki mitgebracht hat. Er spielt mir Szenen vor, wir lachen Tränen, schreiben sie auf, verwerfen wieder alles und lachen weiter. In ein oder zwei Nächten entsteht das Grundgerüst unseres ersten Puppentheaterstücks.
Wir dachten damals an eine Handvoll Vorstellungen. Einfach einmal ausprobieren und schauen, ob sich überhaupt irgendjemand für Puppentheater für Erwachsene interessieren würde.
Aus dieser Handvoll Vorstellungen wurden zwanzig Jahre, unzählige Produktionen und Hunderte Vorstellungen. Figuren, die uns begleitet haben, und Geschichten, die erzählt werden wollten.
Die Welt hat sich in dieser Zeit gefühlt immer schneller gedreht. Sie scheint komplizierter, unübersichtlicher und lauter geworden zu sein. Die Puppen aber sind geblieben. Und mit ihnen die Möglichkeit, auf dieser kleinen, feinen Guckkastenbühne die Welt ein wenig begreifbarer zu machen.
Immer wieder muss ich dabei an einen Satz aus einer meiner ersten Inszenierungen denken. Die Hauptfigur, ein Pianist, der sein ganzes Leben auf einem Ozeandampfer verbracht hat, wird gefragt, warum er das Schiff niemals verlassen habe.
„Stell dir ein Klavier vor. Die Tasten fangen an. Die Tasten hören auf. Du weißt, dass es achtundachtzig sind. Sie sind nicht unendlich. Du bist unendlich, und in diesen Tasten ist die Musik unendlich, die du machen kannst. Das gefällt mir. Damit kann man leben. Aber wenn du auf diesen Steg gehst und vor dir erstreckt sich eine Klaviatur von Millionen Tasten … Millionen und Abermillionen Tasten, die überhaupt kein Ende nehmen … wenn diese Klaviatur unendlich ist, dann gibt es auf ihr keine Musik, die man spielen kann.“
Genau so empfinde ich das Schubert Theater.
Es ist kein großer Raum. Es ist ein kleiner, fast unscheinbarer Ort mitten in Wien. Gerade deshalb eröffnet er unendliche Möglichkeiten. Innerhalb dieser wenigen Quadratmeter können wir mit einfachen Mitteln ganze Welten entstehen lassen. Ein Stück Schaumstoff wird zu einem Menschen. Ein Schatten erzählt eine Geschichte. Ein Blick einer Puppe rührt uns zu Tränen oder bringt uns zum Lachen. So wie damals in jener ersten Nacht, als mir ein Puppenkopf aus Schaumstoff die Tränen vor Lachen in die Augen trieb.
Vielleicht liegt genau darin die Magie dieses Theaters.
Seit zwanzig Jahren darf ich sie erleben. Gemeinsam mit wunderbaren KünstlerInnen, MitarbeiterInnen und einem Publikum, das bereit ist, sich immer wieder auf diese kleinen, großen Reisen einzulassen.
Dafür bin ich von Herzen dankbar.
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