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Von Puppen und Göttern

Advent steht bevor. Sie freuen sich auf Weihnachten und möchten die Adventwochenenden für Entspannung, Besinnung und Reflexion nutzen? Sie hassen Weihnachten und wollen dem Stress und Konsumdruck entfliehen? In beiden Fällen laden wir Sie ein, Freunde und Familie mitzunehmen und Ihre Zeit sinnvoll zu verbringen: Bei Glühwein, Keksen, Figurentheater und Künstlergesprächen im Schubert Theater.

Die Puppenspielerin ist die Göttin der Puppen. Sie baut sie, sie haucht ihnen Leben ein. Und wenn sie sich zurückzieht, bleibt nur die leere Hülle über. Tot, bis die göttliche Spielerin sich wieder entschließt, sie wiederzubeleben. Aber kennen Sie das? Eine Puppe scheint so präsent und überzeugend, dass Sie geradezu überrascht sind, wenn Ihnen dann wieder die Spielerin auf der Bühne auffällt. Als würde sie sie nur bedienen, der Puppe dienen also, damit diese optimal zur Geltung kommt. Die Hierarchien verdrehen sich, die Illusion bricht zusammen und macht neuen Illusionen Platz, Analogien zum menschlichen Dasein drängen sich auf. Puppenspiel ist schon ein ziemlich philosophisches Genre. Kein Wunder, dass die Produktionen des Schubert Theaters sich immer wieder um Erschaffung drehen.

In PAPERMAN wird der künstlerische Schöpfungsakt zelebriert. Live wird die Hauptfigur erschaffen, sie zeigt erste Regungen, geht die ersten Schritte – und findet mit der Zeit vom naiven, nicht bewussten Dasein zur Selbsterkenntnis, schließlich sogar zu eigenen schöpferischen Taten. PAPERMAN ist eine ungewöhnliche Inszenierung: Einerseits unterhaltsam und leicht verständlich, ganz ohne Sprache und barrierefrei, andererseits tiefgründig und metaphysisch. Die papierene Hauptfigur ist Projektionsfläche, im besten Sinne. Was lesen Sie hinein? Und wie erlebt das Puppenspielteam, das zu viert (!) diese Puppe führt, die Zusammenarbeit mit ihrem Kollegen aus Papier? Im Anschluss an die Vorstellung am 30. November gibt es bei einem Künstlerinterview Gelegenheit für einen Austausch zwischen Publikum und Team.

Paperman, (c)Barbara Palffy

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Puppen oft ihren Erbauer*innen ähneln? (Paperman ist, abgesehen von der Anzahl der Gliedmaßen, nicht das ideale Beispiel.) Ähnliches gilt übrigens auch für Comicfiguren und ihre Zeichner*innen, auch für viele Maler*innen und ihre Figuren. Wir verhandeln eben immer wieder uns selbst. Gott hat den Menschen nach seinem Abbild geschaffen, heißt es im Christentum. Ein*e Atheist*in würde sagen: Der Mensch schafft Götter nach seinem Abbild. Oder Puppen. Das ist die Setzung bei der FAUST-Adaption des Schubert Theaters, die in einer Puppenbauwerkstatt spielt – eine neue Versuchsanordnung, um herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Faust ist hier Puppenspieler und Manipulator, der seinem eigenen Werk auf den Leim geht. Auch hier können Sie nach der Nachmittagsvorstellung am 8. Dezember an einem Künstlergespräch teilnehmen, Fragen stellen und Antworten geben.

Faust, (c)HaariWeber

Im Grunde ist Fausts unbändiger Wille und Schaffensdrang ganz alltäglich. Jeder Mensch hat den Drang, zu erschaffen. Schon für Kleinkinder ist ein eigener, kreativer Akt, der sichtbare Konsequenzen hat, der Quell größter Freude (oder größter Frustration, wenn Naturgesetze oder Erwachsene ihn verhindern). Das ist auch eine positive Definition von Macht: Mein Handeln hat Einfluss auf die Welt, ich bewirke etwas. Schaffensdrang und Neugierde sind auch der Antrieb des Wissenschaftler*innenteams in PROJEKT PINOCCHIO, die mit ihrem Roboter eine intelligente, ethische, ja “menschliche” Maschine zu schaffen suchen.

Die letzte Vorstellung im Rahmen des Erschaffungszyklus handelt also von Künstlicher Intelligenz. Die Angst vieler Menschen vor KI ist groß, aus Kino und Literatur kennen wir fast nur Dystopien: Was ist, wenn sich die göttliche Hand der Puppenspielerin zurückzieht, die Puppe aber weiterlebt? PROJEKT PINOCCHIO wagt einen optimistischen Blick in die Zukunft. Hier wird die Frage, ob die Maschine nicht auch Probleme, an denen der Mensch seit Jahrhunderten scheitert, besser lösen kann – etwa Kriege vermeiden – bejaht. Nach der Vorstellung am 15. Dezember gibt es Gelegenheit, mit dem Künstlerteam zu diskutieren.

Projekt Pinocchio, (c)Barbara Palffy

Was im Erschaffungszyklus nicht vorkommt, ist ein neuer Schöpfungsmythos – und das nicht von ungefähr: In unserer Zeit, wo immer offensichtlicher wird, dass das alte System nicht mehr trägt, fehlt es noch an Narrativen, um sich gute Alternativen vorzustellen. Wir brauchen neue Erzählungen, um an einer veränderten Welt zu arbeiten. Am besten solche, in denen wir nicht Spielbälle der Götter sind, sondern die Fäden in der Hand halten. Vielleicht machen wir mal eine Figurentheaterinszenierung zu diesem Thema. Und sammeln dafür erste Ideen im Gespräch mit Ihnen, unserem Publikum. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Erschaffungszyklus
Teil I: Paperman, 30. November, 19:30 Uhr*
Teil II: Faust, 7. Dezember, 19:30 Uhr*
Teil III: Projekt Pinocchio, 14. Dezember, 19:30, 15. Dezember, 16:00 Uhr*

*mit anschließendem Künstlergespräch

 

von Jana Schulz